As the curator of the exhibition, I
was asked to introduce Expanded Horizons during the opening reception at
Fabian & Claude Walter. Please find the text below (only in
German):
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| René Burri: Cuba (1963), © Rene Burri/Magnum Photos |
Es gibt ein haitianisches
Sprichwort, “Dèyè mòn gen
mòn”, oder auf Deutsch “hinter den Bergen, mehr Berge.” Daran musste ich immer
wieder denken, als ich in die Schweiz kam. Haiti, oder Ayiti in der Sprache der Ureinwohner, stand für “bergige Insel”.
Auch die Schweiz ist natürlich in gewisser Weise eine Insel mit Bergen. Und es
gab nicht wenige Fotografen, denen der Horizont im Aufbruch der Nachkriegsjahre
hier zu kurz war, die sich sozial und geografisch eingeengt fühlten, die sprichwörtlich
das Weite suchten, um der Welt Bilder abzuringen, mit dem Potenzial, die Berge
abzubauen, die uns nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
noch immer trennten, die mit offenem und realistischem aber auch romantischem
und optimistischem Blick in die Zukunft schauen wollten …
Ich selbst bin in
der DDR aufgewachsen. Auch die war ein kleines Land. Und mit Mauer und Reisebeschränkungen
war es nicht so einfach dieses Land zu verlassen. Das machte die Sehnsucht, die
weite Welt zu sehen, aber nicht gerade geringer. Im Gegenteil. Schon bald nach
dem Fall der Mauer suchte auch ich das Weite, suchte auch ich neue Horizonte.
Und im Kopf hatte ich dabei auch immer Bilder von Fotografen und Fotografinnen,
die meine Sehnsucht visuell ausdrückten. Da gibt es zum Beispiel dieses Bild
der großen ostdeutschen Fotografin Evelyn Richter von 1972, welches ein
Schubboot namens „Traumland“ auf der Berliner Spree zeigt. Am Ufer steht ein
Vater, der mit seinem Sohn das vorbeifahrende Schiff betrachtet. Seitdem ich
das Bild—noch als Kind—zum ersten Mal gesehen habe, hat es mich stark beschäftigt
und beeinflusst. Gerade die ostdeutschen Fotografen waren ja auch Meisterinnen
der Mehrdeutigkeiten, der Metaphern und der Symbolik. Beim Betrachten des Fotos
sah ich mich selbst dort als Sohn des Vaters am Ufer stehen, sehnsüchtig und
romantisch-verklärt dem Schiff nachschauend, mit der tief sitzenden
Befürchtung, dass die Schiffe vielleicht zeit meines Lebens an mir vorbei dem
Horizont entgegenfahren würden, dass das sprichwörtliche „Traumland“ an mir
vorbeischwimmt und nie Heimat wird. So visuell sozialisiert und in der
fotografischen Bildsprache und ihren Erzählweisen geschult, empfand ich später neben
den amerikanischen und französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts, eben vor
allem auch die hier versammelten Schweizer als seelenverwandt und wegweisend. Auch
ihre Fotografien erzählen uns nicht nur, was sich im Moment der Aufnahme vor
der Kamera befand, sondern sie haben eben auch eine tiefere poetische oder kritische
Ebene. Auch hier steckt zwischen den Zeilen genauso viel Bedeutung, wie in der
formalen Darstellung des abgelichteten Geschehens.
Angefangen mit dem
presse-skeptischen Werner Bischof, versagen sich diese Fotografen oft effekthaschender
Spektakel für die kurzlebigen news cycles
und hadern mit der doppelschneidigen Bildnachfrage illustrierter Magazine.
Stattdessen versuchten sie sich durch eine subtile, unkonventionelle und oft
experimentelle Bildsprache zu emanzipieren und dabei Mehrdeutigkeiten zu
erzeugen, die auch ihrer komplexer werdenden Welt entsprachen. So lieferten sie
uns aktuelle und zeitlose, poetische und politische Bilder nach Hause.
Auf diese Weise
bekamen wir beispielsweise das Foto René Burris von Che Guevara zu sehen, auf
dem sich der Revolutionär bei einem Interview mit einer amerikanischen
Journalistin frustriert die Augen reibt -Revolution trägt man im Herzen und
nicht auf den Lippen. Oder da sind die Telefonleitungen aus René Groeblis
„Magie der Schiene“ auf denen die Sonne wie eine einsame Note sitzt und man
geneigt ist, über die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu sinnieren, genau so, wie
bei der Momentaufnahme von Michiko und ihrer Freundin in Tokyo, von Werner
Bischof fotografiert, die trotz schnellen Schrittes im Vordergrund von einem
rennenden Kind überholt werden. Oder Robert Franks „Canal Street, New Orleans“,
einem Bild das aufzeigt, wie freiheitsliebende Amerikaner gesellschaftlich
völlig fragmentiert sind und dabei doch immer nur in zwei Richtungen gehen, hin
und her. Mit Robert Frank kam ja ein Fotograf aus der ihm zu engen Schweiz in
die Welt, der radikaler und tiefer blickend war und dessen Kamera sich zurück
auf uns selbst richtete. Diesen kritischen Blick empfand man nicht nur im
selbstzufriedenen Amerika der Nachkriegsjahre als unanständig und unbequem.
Mit der
kunstgeschichtlich oft sehr amerikanisch geprägten Sicht auf die
Nachkriegsfotografie und der damit oft einhergehenden Deklaration vom Ende der zumeist
kollektiv organisierten und solidarisierenden Concerned Photography, werden die MAGNUM Fotografen um Robert Capa
und Werner Bischof immer noch etwas marginalisiert, obwohl gerade sie die Concerned Photography in die zweite
Hälfte des 20. Jahrhunderts hinüberretteten. Und so starb zum Glück ihr
Anspruch an die dokumentarische Fotografie nicht so verfrüht, wie sie selbst, so
tragisch kurz hintereinander im Jahre 1954, denn gerade auch der etwas jüngere René
Burri fotografierte dann in den Fußspuren dieser humanistischen Auffassung von
Fotografie. Ja, beim Betrachten seiner Bilder hat man oft regelrecht das
Gefühl, als wolle er die ganze Welt mit seiner Kamera umarmen.
Darüber hinaus
zeigt sich das Überleben engagierter Fotografie aber auch daran, dass die
Arbeiten dieses Genres extrem nachhaltig sind, denn noch heute erkennen wir
uns—leider und zum Glück—in ihren Bildern wieder, sind sie doch schon lange in
das eingegangen, was man im Englischen the
collective memory nennt. Daraus schöpften dann auch nachfolgende Generationen
von Fotokünstlern Mut, Kraft und Inspiration. Und so stehen Balthasar Burkhard und
seine großformatigen Fotografien exemplarisch für die Schweizer Fotografen, die
als „nächste“ Generation das Momentum der Nachkriegsfotografen aufgenommen und
verinnerlicht haben, und die auch versuchten, prägend statt nur geprägt
fotografisch zu wirken und sich dabei dann auch nicht von echten oder
sprichwörtlichen Bergen aufhalten ließen.
Gefragt, warum ich nun
in Zeiten täglicher Kunstbilderberge eine eher klassische Fotoausstellung mit vergleichsweise
ruhigen Schwarz-Weiss-Fotografien etablierter Künstler kuratiere, antworte ich
auch hier mit “Dèyè mòn gen mòn “ ... denn nach
jeder Generation, die die Arbeiten wegweisender und geschichtsschreibender Fotografen
kennen- und schätzen gelernt hat, kommt auch wieder eine junge Generation,
deren geschichtlicher und kunsthistorischer Wissensstand bei Null anfängt. Und
statt Ihnen immer nur wieder atemlos gegenwärtigste künstlerische Positionen
mit den aktuellsten bildgebenden und bildvermittelnden Technologien
vorzusetzen, bin ich eher geneigt, periodisch aufzuzeigen, woher die Fotografie
kommt und welche künstlerische Positionen sie beeinflusst hat—und umgekehrt—,
aus welchem Kontext und welcher Geschichte sie sich zu dem entwickelt hat, was
sie heute ist ... oder eben auch damit zu hinterfragen, wohin sie sich
vielleicht in unserem Zeitalter der ständigen Inszenierungen und der Selfies
verirrt hat. Ich glaube nämlich auch, wie die hier versammelten Fotografen,
weiterhin an das Potenzial der Kunst und insbesondere der Fotografie, unser
Weltbild und damit unsere Einstellung gegenüber abgebildeten Menschen, Ereignissen
und Orten konstruktiv zu beeinflussen. Ich glaube, dass die Fotografie in der
Vergangenheit des abgelichteten Augenblicks einen Funken Utopie trägt ... dass
sie uns zeigt, dass irgendwo hinter den Bergen das Meer
liegt!